Kurzbiographie von Dr. Franz Windisch-Graetz 
»Leben und Werk des Bildhauers Gustav Gurschner«, erschienen in 
»Alte und moderne Kunst«, 11. Jahrgang 1966, Heft 87, Seite 34 - 39.
 


Vorwort 

In eigener Sache  

Biographie  

Anmerkungen  

Verzeichnis der wichtigsten Werke  

Zurück in das Museum



Zeitungsausschnitt (um 1922): Gurschner in seinem Wiener Atelier in der Lindengasse bei der Arbeit.

Vorwort 

Bildhauer Gurschner war nicht nur ein begnadeter Künstler der Jugendstilepoche. Fasziniert von „Automobil“ und „Flugapparat“ setzte er sich als teilaktiver Offizier bei den Kaiserjägern vehement für die Motorisierung des K. K. Heeres ein. Als Flugpionier erkannte er bereits Jahre vor Ausbruch des 1. Weltkriegs den großen taktischen Wert einer Luftwaffe, scheiterte aber bei seinen Bemühungen, parallel zum K. K. Automobilkorps, auch ein militärisches Fliegercorps einzurichten, am Widerstand von Aristokraten, die ihren elitär ausgeübten Flugsport damals nicht mit Bürgerlichen teilen wollten. Zahlreiche Plastiken, Münzen und Medaillen aus seinem Atelier belegen Gurschners intensive Auseinandersetzung mit den noch jungen technischen Entwicklungen seiner Zeit. 

Hier schließt sich auch der Kreis. Als Künstler gelang es Gurschner dank seiner unerschöpflichen Phantasie und seinen großen handwerklichen Fähigkeiten auch immer wieder, banale Gebrauchsgegenstände wie z. B. Türschilder und Türklopfer, Schreibtischgarnituren oder Lampen, Briefbeschwerer, Petschaften oder auch nur Blumentöpfe so außergewöhnlich zu gestalten, daß sie neben ihrem praktischen Nutzen vor allem als Kleinkunstwerke bereits zu seiner Zeit große Anerkennung und Wertschätzung fanden. 

Heute, im ausgehenden 20. Jahrhundert, hat Jugendstil oder Art nouveau nach einem langen Dornröschenschlaf weltweit einen gleichwertigen Rang neben allen anderen Kunstrichtungen erhalten. So ist es auch an der Zeit, daß Prof. Gustav Gurschner, Gründungsmitglied der Wiener Secession, Mitglied des Hagenbundes, Kulturstadtrat von Wien, Ehrenrat des Wiener Künstlerhauses und langjähriger Präsident des Künstlerverbandes österreichischer Bildhauer mit dieser kurzen Dokumentation einen würdigen Platz im Kreis seiner damaligen Kollegen findet. 

Gustav Gurschner überlebte alle seine Freunde und Künstlerkollegen wie Gustav Klimt, Josef Engelhart, Oskar Kokoschka, Eugène Jettel, Joseph Maria Olbrich, Josef Hoffmann, Kolo Moser, Rupert Carabin, Alexandre Charpentier, Jean-August Dampf, Henri Nocq, Villé Vallgreen oder Gustinus Ambrosi. Er starb 1970 im 97. Lebensjahr in Wien. Sein künstlerischer Nachlaß aber soll und wird auch das 20. Jahrhundert überleben.

 



In eigener Sache  

Als mein Großvater starb, hinterließ er Familie und Öffentlichkeit eine derart umfangreiche Sammlung an zeitgeschichtlich wertvollen Dokumenten, Fotos, Skizzen, privaten Notizen und Briefen, daß es Jahre bedurfte, diese zu sammeln, zu katalogisieren und aus den zahllosen Mosaiksteinen seines langen und abenteuerlichen Lebens ein großes Gesamtbild zusammenzusetzen. Museen, Bibliotheken, Archive, Auktionshäuser und Sammler in ganz Europa stellten freundlicherweise ihr vorhandenes Material zur Verfügung, so daß nun fast alle seine Werke exakt datiert bzw. dokumentiert werden konnten. 

Diese Tätigkeit ist nun „beinahe“ abgeschlossen, das Ergebnis als multimediales Museum mit einem überarbeiteten Werkverzeichnis samt Biographie und vielen geschichtlich relevanten Ereignissen auf CD-ROM gebrannt. Wer sich für die Epoche des Jugenstils interessiert, wird auf dieser CD-ROM viele interessante Details finden. 
Bei meiner Arbeit ist mir allerdings bewußt geworden, daß trotz aller gezielten Recherchen immer wieder der Zufall eine wesentliche Rolle spielt. Deshalb hoffe ich via Internet auf noch unbekannte Spuren im Künstlerleben meines Großvaters zu stoßen. 

Für alle Informationen, vor allem Briefwechsel mit Zeitgenossen, Publikationen oder andere Quellen sowie Farbaufnahmen von Plastiken oder Bronzen, besonders von privaten Sammlern, wäre ich deshalb sehr dankbar. 

Gustav Harald Gurschner (Enkel) 

e-mail: gustav.gurschner@sbg.at
 

 


LEBEN UND WERK DES BILDHAUERS GUSTAV GURSCHNER 

von Dr. Franz Windisch-Graetz (1966)

Das Atelier befindet sich im siebenten Wiener Gemeindebezirk. Die Türe, durch die man es betritt, ist mit einem bronzenen Klopfer in den typischen Formen der Kunst um 1900 geschmückt.  
Dieser Türklopfer ist wie ein Sesam-öffne-dich, mit dessen Hilfe dem Eintretenden ein Blick in die Vergangenheit gewährt wird. Hier, in diesen vier Wänden, hat sich die Zeit, eine mehr als ein halbes Jahrhundert, genauer, sieben Jahrzehnte zählende Epoche, im Lebenswerk eines Künstlers, in Bildern, Fotografien, Dokumenten und Erinnerungsstücken, konkretisiert. Aber nichts Museales haftet diesem Raum an, dessen Tische, Abstellvorrichtungen und Wände bis hoch hinauf zum Bersten angefüllt sind mit zahllosen Dingen, die auf Personen und Ereignisse hinweisen, die für uns längst Geschichte wurden: denn inmitten aller dieser Zeugen seiner langjährigen Arbeit steht der Künstler selbst, Gustav Gurschner, dreiundneunzigjährig, die unvermeidliche Virginier zwischen den Fingern, und wenn er, durch die Fragen des Besuchers angeregt, lebhaft erzählt, auf eine Porträtplastik, einen Denkmalentwurf hinweist oder einen kunstgewerblichen Gegenstand im Stil der Jahrhundertwende zur Hand nimmt, dann werden Namen, Fakten und Kunstströmungen, die für ihn erlebte Wirklichkeit bedeuten, auch für uns, die Spätergeborenen, vergegenwärtigt. Etwas von der einstigen Weite des alten Österreich und von der zentralen Bedeutung des damaligen Wien ist in diesem Atelier noch spürbar, von dem aus die Werke Gurschners einst in die entlegensten Kronländer gelangten, ganz abgesehen von österreichischen Städten und ausländischen Auftraggebern.  

Angesichts des weltweiten Interesses, das bereits seit mehr als einem Jahrzehnt dem Jugendstil, ganz allgemein der Kunst um 1900, gewidmet wird, erscheint es wohl gerechtfertigt, sich mit dem Leben und Werk eines Künstlers zu befassen, der gerade zur Zeit der Jahrhundertwende nicht nur in Wien, sondern auch im Ausland seine ersten Erfolge verzeichnen konnte. Gustav Gurschner erlebt somit, dank seines hohen Alters, daß jene Kunstrichtung, der seine Jugendwerke verpflichtet waren, von den nachfolgenden Generationen der Söhne und mehr noch der Enkel eine neue Bewertung erfährt, wobei das Positive der Zielsetzung und das Bemühen nach Jahrzehnten der Ablehnung oder des Vergessens wiedererkannt wird. 

Heimat Südtirol 
Der Künstler stammt aus Tirol1. Daß er im Jahr 1873 im bayerischen Mühldorf zur Welt kam, hing mit dem Beruf seines Vaters zusammen, der dort als Vermessungsingenieur bei Flußregulierungen beschäftigt war. Nach Abschluß dieser Tätigkeit übersiedelte die Familie wieder nach Bozen, wo Gurschner von 1885 bis 1888 die Fachschule für Holzindustrie besuchte. Nach drei Jahren riet ihm jedoch sein Lehrer, an die Kunstgewerbeschule nach Wien zu gehen; für ein so starkes Talent hatte Bozen nichts mehr zu bieten. An der Kunstgewerbeschule des Österreichischen Museums für Kunst und Industrie arbeitete er zunächst bei Professor August Kühne (1888-1891) und wechselte dann zu Professor Otto König (1891-1894), von dem er als Plastiker ausgebildet wurde.  

Studium und erste Erfolge in Wien 
Bereits während dieser Zeit konnte der junge Kunstschüler seinen ersten Erfolg in der Öffentlichkeit verzeichnen. Um das Studium und den Aufenthalt in Wien bestreiten zu können, war Gurschner gezwungen, als Zeichenlehrer Geld zu verdienen, was aber für ihn keine Schwierigkeit bedeutete: denn die Nachfrage war verhältnismäßig groß, gehörte es doch zum damaligen Bildungsideal der gehobenen Kreise, daß Mädchen und junge Damen aus gutem Hause in der Musik und in der Malerei dilettierten. Diese privaten Verbindungen brachten Gurschner seinen ersten Auftrag, eine Porträtbüste des Schauspielers Wilhelm Knaak (1894). 

Die Besteller waren so zufrieden, daß sie die Ausstellung der Plastik im Künstlerhaus beantragten. Ein ungewöhnlicher Fall, da es den Statuten widersprach, Schülerarbeiten auf einer der großen Jahresausstellungen zu zeigen. Diesmal wurde jedoch eine Ausnahme gemacht und die Arbeit angenommen. Sie gelangte allerdings erst zwei Jahre später, als Gurschner sein Studium bereits abgeschlossen hatte, zur Ausstellung (1896)2. Damals ereignete sich eine Episode, die trotz ihrer Kürze unvergänglich im Gedächtnis des Künstlers haften geblieben ist. Bei der Eröffnung, die von Kaiser Franz Joseph höchstpersönlich vorgenommen wurde, hatten die Künstler neben ihren Werken zu stehen, um dem Monarchen, wenn er eine Frage stellte, selbst Antwort geben zu können. So stand also auch Gurschner neben seiner Büste. Zweiundzwanzig Jahre alt und glatt rasiert, sah er im Kreise der würdigen und der damaligen Mode gemäß zumeist bärtigen Herren noch bedeutend jünger aus, als er war. Franz Joseph, in der Annahme, den Sohn des Künstlers vor sich zu haben, frug ihn, warum denn sein Vater nicht anwesend sei. Als darauf der Präsident des Künstlerhauses erklärte, der junge Mann wäre selbst der Künstler, äußerte der Kaiser sein Erstaunen, und Gurschner wurde, wie man damals zu sagen pflegte, eine allerhöchste Belobigung zuteil. Gurschner stellte mit dieser Arbeit unter Beweis, daß er seine Lehrzeit wohl zu nutzen gewußt und sich alle Voraussetzungen angeeignet hatte, um nun den eigenen Weg zu gehen und als Künstler die ihm gemäße Form zu finden und zu verwirklichen. Zunächst wurde er aber zum Militär einberufen und absolvierte seine Dienstpflicht, wie konnte es anders sein, bei den Kaiserjägern in Innsbruck (1895/96). Dieser kurze Lebensabschnitt hätte unerwähnt bleiben können, wäre nicht gerade dem militärischen Element in Gurschners Leben immer wieder eine so bestimmende Rolle zugefallen, daß davon auch seine künstlerische Tätigkeit vielfältige Anregungen erhielt.  

Auslandsstudien in München und Paris 
Als Gurschner die Wiener Kunstgewerbeschule verließ, hatte er sich zum Ziel gesetzt, als Großplastiker tätig zu sein. Auch während eines kurzen Aufenthaltes in München (1896) blieb er diesem Vorsatz treu. Als er sich aber anschließend in Paris (1897) niederließ3, trat er dort mit Künstlern in Verbindung, die sich, ausgehend von der Kleinplastik, hauptsächlich mit der künstlerischen Neugestaltung von Gebrauchsgegenständen befaßten, wobei es ihnen darum ging, diese Dinge in den Rang von kleinen plastischen Kunstwerken zu erheben4. In erster Linie waren es Vallgreen, Dampf und Charpentier5, deren Einfluß nun für Gurschner bestimmend wurde. Sein jugendliches Talent war von unerschöpflichem Einfallsreichtum bei der Erfindung immer neuer Formen.  

Am meisten aber fesselte ihn die Aufgabe, für die Gestaltung der elektrischen Lampe, dieser damals neuen Lichtquelle, auch andersgeartete, von der herkömmlichen Beleuchtung abweichende und ästhetisch ansprechende künstlerische Lösungen zu finden. Für einen Plastiker wird stets die menschliche Figur das zentrale Thema sein. Für Gurschner und die anderen Pariser Künstler des Art Nouveau blieb es dies auch bei ihren kunstgewerblichen Arbeiten, ja sie wandten sogar dem Problem, figurale Motive mit einer zweckbedingten Gebrauchsform zu kombinieren, ihre besondere Aufmerksamkeit zu. Dabei schien ihnen der jugendliche Frauenkörper wegen seiner Anmut und Biegsamkeit am geeignetsten zu sein, weil er mit diesen Eigenschaften dem Grundprinzip des Zeitstils, der in sanften Schwüngen geführten Linie und den gleitenden Übergängen der Flächen, am meisten entsprach.  
Gurschner hatte im Rahmen des Pariser Art Nouveau, dessen Sensibilität ihm homogen war, und bei der Verwirklichung neuer Aufgaben seinen eigenen Stil gefunden. Bald stellten sich auch die ersten Erfolge ein. Als er sich an der Ausstellung im Salon du Champ de Mars beteiligte, erwarb das Musée Galliera einige seiner Arbeiten; darunter auch einen Türklopfer, ein Thema, das Gurschner noch mehrmals beschäftigte.

In der Folgezeit begannen sich auch kunstgewerbliche Geschäfte für ihn zu interessieren erteilten ihm Aufträge; so z. B. die angesehene Firma „Maison moderne“, die sich die Propagierung des neuen Stils besonders angelegen sein ließ. Die Nachricht von Gurschners Pariser Erfolgen drang schließlich auch nach Wien, wo es inzwischen zur Gründung der „Secession“ gekommen war.

 

Gründungsmitglied der Wiener Secession 
Als sich zwei prominente Mitglieder der neu konstituierten »Vereinigung bildender Künstler Österreichs«, die Maler Josef Engelhart und Eugène Jettel in Paris aufhielten, luden sie auch Gurschner ein, sich an der ersten Ausstellung der „Vereinigung“ zu beteiligen. Diese bedeutende Veranstaltung fand in der Zeit vom 26. März bis 15. Juni 1898 im Gebäude der Gartenbaugesellschaft statt (mit dem Bau der von J. M. Olbrich errichteten Secession wurde erst während der Ausstellung begonnen). Im Katalog erscheint Gurschner, als dessen Domizil damals noch Paris angegeben ist, mit zwei kunstgewerblichen Arbeiten, einer Lampe und einem Leuchter aus Bronze (Kat.-Nr. 15, 16). Mit ihm stellten auch alle seine Pariser Freunde und Gesinnungsgenossen aus: Charpentier, Dampf, Nocq und Vallgreen. - Noch im November des gleichen Jahres wurde dann das neue Haus der Secession mit der zweiten Ausstellung der Vereinigung eröffnet. Hören wir, was Ludwig Hevesi, der bekannte Publizist und Kritiker, über dieses für die österreichische und besonders die Wiener Kunst der Jahrhundertwende so wichtige Ereignis berichtet6: »In hellen Haufen drängt sich das Publikum nach dem Hause der Secession und trachtet, sich in dieser neuen Welt heimisch zu machen. Es ist nur eine Stimme der Anerkennung, die man hört ... Die Ausstellung gehört unstreitig zu den interessantesten, die man noch in Wien gesehen, und zwar bietet sie durchwegs neuestes Material ...« Nachdem er feststellt, daß auch »Kleinkunst und Kunstgewerbe vieles Neues und vom Allerbesten« bringen, wird nach Aufzählung der Ausländer, zumal der Franzosen, ganz folgerichtig »auch unser Gurschner« erwähnt, der ja mit seinen Arbeiten die Pariser Note in der neuen Wiener kunstgewerblichen Plastik vertrat. Der Katalog verzeichnet diesmal acht Exponate, darunter eine Variante des vom Musée Galliera angekauften Türklopfers sowie Leuchter, Schalen, Broschen und eine elektrische Lampe (Kat.-Nr. 192, 204-210).  

In einem „Verkannte Kunstwerke“ betitelten Feuilleton setzt sich Hevesi mit den negativen Stimmen der Kritik auseinander und sagt u. a.: „Was hat man nicht alles über jenen hübschen Türklopfer Gustav Gurschners losgezogen! Das weibliche Bronzefigürchen wagt es, mit etwas anderem zu klopfen als mit dem eingebogenen Mittelfinger der rechten Hand, wie es doch schon in jeder anständigen Kinderstube gelehrt wird. Die naiven Sinne, die ihren eigenen Witz haben, waren früher in der Kunst geschätzt (wir könnten weit drastischere Beispiele dafür zitieren), heute sollen sie ihre Einfälle gefälligst für sich behalten.“7 Zur Zeit dieser Ausstellung war Gurschner aus Paris wieder zurückgekehrt, wie es auch der Vermerk »Wien« neben seinem Namen im Katalog angibt. Trotz seiner Beteiligung an den Veranstaltungen der Secession und obwohl er von den Künstlern und Publizisten der neuen Richtung anerkannt und zu den Ihrigen gezählt wurde, erscheint aber sein Name nicht im Mitgliedsverzeichnis. Zwei Jahre später begegnen wir ihm in der berühmten VIII. Kunstausstellung der Secession, die dem europäischen Kunstgewerbe gewidmet war und tatsächlich die Elite der ausländischen Künstler, Werkstätten oder Unternehmen in Wien vereinigte. Gurschner war mit fünf Arbeiten vertreten, einer elektrischen Lampe, einer Gürtelschnalle, zwei Petschaften und einer Petroleumlampe (Kat.-Nr. 357, 360-362, 371). Bei Besprechung dieser Ausstellung verbindet Hevesi in Anbetracht mancher etwas bei den Haaren herbeigeholter Formen eine berechtigte kritische Bemerkung mit einer lobenden Erwähnung Gurschners, wenn er sagt: „Die Moderne ist überhaupt nicht recht glücklich mit ihrem Aushecken von Varianten für die einfachsten Dinge... Auch die Beleuchtungskörper sind bekanntlich ein solcher Tummelplatz für Metallphantasien, aber durch van der Velde und andere (unseren Gurschner, der sichtlich wächst, nicht zu vergessen) hat die moderne Lampe doch einige einleuchtende Formen gewonnen.“8 

 
Neuorientierung zum Hagenbund 
Gurschners Beziehungen zur Secession wurden bald einer starken Belastungsprobe ausgesetzt, der sie auf die Dauer nicht standhielt. Noch heute, nach über sechzig Jahren, wird im Gespräch mit dem Künstler die starke Spannung gegenwärtig, die, hervorgerufen durch die Parteinahme für oder gegen die Secession, damals das kulturelle Wien kennzeichnete und in zwei gegnerische Lager spaltete. Gurschner, der als anerkannter Gefolgsmann des Pariser Art Nouveau mit den Zielen der Secession übereinstimmte, distanzierte sich aber davon, als er erkennen mußte, daß sein Weg in eine andere Richtung wies, wie jene, die in erster Linie von Josef Hoffmann und Kolo Moser eingeschlagen wurde. Er schloß sich also dem neugegründeten Hagenbund an und zeigte auf dessen Eröffnungsausstellung zwei Plastiken, und zwar die große Marmorskulptur „Liebe und Neid“ und eine Silberstatuette „Schmerz“ (Kat.-Nr. 16, 56). Damit trat Gurschner erstmals seit seiner Rückkehr aus Paris nicht mehr bloß mit kunstgewerblichen Arbeiten, sondern als Plastiker in einer Ausstellung vor das Wiener Publikum. Zwei Monate später veranstaltete der Hagenbund die nächste von den insgesamt fünf Ausstellungen des Jahres 1902 und brachte von Gurschner wieder ausschließlich Kunstgewerbe. Zu den dreizehn Exponaten (Kat.-Nr. 79-91) zählten zwei Ausführungen der Lorbeerlampe (Kat.-Nr. 84, 85). Im Katalog der zweiten Ausstellung wird Gurschner im Mitgliedsverzeichnis des Hagenbundes genannt. 

Wir haben dem ersten Auftreten des Künstlers in Wien, seiner Beteiligung an den großen Ausstellungen und der Anerkennung, die er dabei fand, mit Absicht breiteren Raum gegeben, um damit gleichzeitig die damals hier herrschende Atmosphäre höchster Aktivität in Erinnerung zu bringen. Für eine starke Begabung bot Wien zu jener Zeit ideale Bedingungen, die der junge Künstler auch mit dem ihm eigenen Elan auszunützen verstand.  
Neben einer Fülle von Kunstgewerlichen Gegenständen aller Art entstand in seinem Atelier eine große Anzahl von figuralen Plastiken, Porträtbüsten, Medaillen und Plaketten. Bedeutende Zeitschriften, wie The Artist oder Studio, widmeten ihm zum Teil umfangreiche Berichte. 


Künstler, Offizier, Automobilist und Flugpionier  
Zum rechten Verständnis von Gurschners weiterer Tätigkeit erscheint es notwendig, darauf zu verweisen, daß er keineswegs nur Künstler, sondern im gleichen Maße auch Soldat und Sportsmann war, ja daß diese beiden Komponenten entscheidende Bedeutung für ihn gewannen. Als Sohn eines Ingenieurs hatte er auch ausgeprägte technische Neigungen zum Erbteil erhalten. Kein Wunder also, daß die Erfindung des Automobils das Interesse des jungen Mannes besonders anzog. So zählte er zu den ersten Sportautomobilisten Österreichs10, erkannte aber auch bald die Verwertbarkeit der neuen Erfindung für die Armee und ging mit Energie daran, seinen Plan, die Aufstellung eines Automobilkorps durchzusetzen. Obwohl sich der Verwirklichung seines Vorhabens anfangs große Schwierigkeiten in den Weg stellten, hatte er schließlich doch mit seiner Idee Erfolg: Es kam zur Gründung des »K. k. Freiwilligen- Automobilkorps« und des »K. k. Freiwilligen- Motorfahrerkorps«. Mit dem Kommando des letzteren wurde Oberleutnant i. d. Evid. Gustav Gurschner betraut.  
Unvergeßlich aber blieb in gleicher Weise dem Offizier wie dem Automobilisten und dem Künstler jener denkwürdige Tag im Juni 1912, als Kaiser Franz Joseph in Schönbrunn die erste Parade der (beiden) „K. k. Freiwilligen-Motorkorps“ abnahm11. Es war ein schwüler Tag, und während der an der Parade anschließenden Defilierung entlud sich ein heftiges Gewitter über Schönbrunn. Aber trotz des strömenden Regens stand der greise Monarch mit einem um die Schulter gelegten Mantel auf dem Balkon des Schlosses und verfolgte mit Interesse das neuartige militärische Schauspiel. Dieser Eindruck hat sich unauslöschlich dem Gedächtnis des Künstlers eingeprägt. Als er mehr als zwei Jahrzehnte später den Auftrag erhielt, ein Kaiser-Franz-Joseph-Denkmal für Wien zu entwerfen, hat er die Figur des Kaisers in der damaligen Haltung wiedergegeben.  

Die Verbindung zum Militär und zum Motorsport, dem Automobilismus und der Fliegerei fanden in einer Vielzahl plastischer Arbeiten ihren Niederschlag (Preise, Abzeichen, wie sie in den ersten Jahren des Weltkrieges für die einzelnen Armeen und Truppenteile herausgegeben wurden, und Denkmäler für die Gefallenen).


Begabter und gefragter Porträtist 
Das Hauptthema von Gurschners Schaffen aber bildete das Porträt. Vom Beginn seiner künstlerischen Tätigkeit bis in die jüngst vergangenen Jahre hat ihn diese Aufgabe beschäftigt. Dabei wird eine Einstellung offenbar, die für einen Künstler unseres Jahrhunderts ungewöhnlich und daher bemerkenswert ist. Gehörte Gurschner in seiner Anfangszeit zu den Vorkämpfern des Art Nouveau und bekannte sich dazu mit jugendlicher Begeisterung, wenn es darum ging, Arbeiten mit dekorativer Bestimmung auszuführen, so hat er doch später in zunehmendem Maße die Darstellung der menschlichen Figur und noch viel mehr das Bildnis aus einer den nachfolgenden Stilrichtungen verpflichteten oder allzu subjektiven Manier herausgehalten.  
Diese Tendenz zu einer Sachlichkeit, die wohl auf Erfassung des gegenständlichen Wert legt, seine Wiedergabe aber in eine zum Typus des jeweiligen Vorbildes hin geklärte und harmonisierte Form bringt, zeigt sich besonders deutlich an dem kleinen Reiterdenkmal für die Gefallenen des Dragonerregiments Nr. 14. Allein schon, daß Gurschner hier selbst den geringsten Anflug von Pathos vermied, wovon die Kriegerdenkmale nur zu oft gekennzeichnet sind, ist eine vorbildliche Leistung künstlerischen Takts. Für die Gefallenen einer wenn auch noch so ruhmreichen, aber eben doch besiegten und nicht mehr bestehenden Armee ziemte sich keine theatralische Gebärde, sondern die schlichte Trauer, wie sie am besten das überlieferte Reglement zum Ausdruck bringen konnte. Diese soldatisch strenge Form wird hier von dem zur Parade ausgerückten Standartenführer verkörpert, der damit die Reverenz vor den Toten, gleichzeitig aber auch die große Geschichte des Regiment symbolisiert. Für den, der darum weiß, versinnbildlicht nämlich gerade diese Darstellung eine stolze Tradition: einzig die 14er-Dragoner hatten als besondere Auszeichnung noch bis zum Ende der Monarchie ihre ehrwürdige Standarte behalten dürfen, die anläßlich des Sieges von Kolin (16. Juni 1757) von Kaiserin Maria Theresia selbst dem Regiment geschenkt worden war. Bei allen anderen Kavallerieregimentern wurden die Standarten im Jahre 1868, im Zuge der Heeresreform, abgeschafft und eingezogen, um später dem Heeresmuseum übergeben zu werden.12 

In seinem langen Leben führte Gurschner eine solche Fülle von Aufträgen aus, daß sein Atelier, in dem sich noch ein Großteil der Entwürfe erhalten hat, in etwa wie eine Porträtgalerie österreichischer und ausländischer Persönlichkeiten der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts anmutet. Künstler, Politiker, Militärs, Industrielle und Mitglieder des Adels, sowie des Kaiserhauses, gehörten zu seinen Auftraggebern. Durch Vermittlung seines Freundes Bernhard Ludwig, dessen angesehene Wiener Möbelfirma die Einrichtung und Ausstattung rumänischer Königsschlösser übernommen hatte, wurde auch er an den dortigen Hof eingeladen, um die jugendliche und schöne Königin Maria zu porträtieren. Bei dieser Gelegenheit lernte er den Prinzen Wilhelm zu Wied kennen und erfuhr, daß dieser als zukünftiger Fürst von Albanien vorgesehen war. Gurschner war über diese Wendung der Dinge überrascht, hatte er doch über kaiserlichen Auftrag bereits albanische Münzen entworfen, die aber das Bildnis des Herzogs von Urach trugen. Als das Gespräch auf die zu erwartenden Schwierigkeiten kam, die sich dem neuen albanischen Regenten entgegenstellen würden, machte sich Gurschner in seiner impulsiven Art erbötig, ihm mit einem freiwilligen Expeditionskorps zur Hilfe zu kommen. Gurschner hat Wort gehalten. Als die Lage in Albanien immer kritischer wurde, entschloß er sich, von den österreichischen Behörden die Genehmigung zur vorübergehenden Ablegung seiner Offizierscharge und zur Anwerbung eines Freiwilligenkorps zu erwirken, das tatsächlich unter seiner Führung in Albanien eingesetzt war (1914). Freilich hat der Ausbruch des ersten Weltkrieges diesem Unternehmen bald ein Ende gesetzt. 

Zupackende Energie, die aus einer lebhaften Aufgeschlossenheit der Umwelt gegenüber resultiert und der zuweilen ein unleugbarer Zug zum riskanten Spiel, zum Abenteuer anhaftet, kennzeichnet Gurschners Charakter. Immer wieder ergeben sich daraus für den Künstler die verschiedensten Impulse. Seine Tätigkeit ist daher allem L'art pour l'art diametral entgegengesetzt. Für Gurschner wurzelt jede künstlerische Leistung wesentlich in einer ihr zukommenden Funktion.  

 


Anmerkungen:  

1 Die biographischen Angaben beruhen zum Großteil auf persönliche Informationen des Künstlers. Die Bekanntschaft mit Professor G. Gurschner vermittelte Prinz Emanuel Liechtenstein, dem ich dafür auch an dieser Stelle aufrichtigen Dank sage. 
2 Katalog der XXIV. Jahresausstellung in Wien, Künstlerhaus, 21. März 1896, Nr. 521, »Gurschner Gustav in Wien, Gypsbüste. Porträt des verstorbenen Komikers Wilhelm Knaak. Privatbesitz.« 
3 Kurz vorher hatte sich Gurschner mit Alice Pollak vermählt, die unter dem Pseudonym Paul Althof schriftstellerisch tätig war. 
4 Folgerichtig gab er daher vielen seiner figural aufgefaßten kunstgewerblichen Erzeugnissen, den Lampen, Leuchtern usw., Namen, wie z. B. Flut, der Wind, Kraft, Lichtgeheimnis, Wahrheit u. dgl. m. 
5 Rupert Carabin (1862-1921), Alexandre Charpentier (1856-1901), Jean-August Dampf (1854-1946), Henri Nocq (geb. 1868), Villé Vallgreen (1855-1949). - Werke dieser Künstler in: Maurice Rheims, Kunst um 1900, Schroll. Wien 1965. 
6 Ludwig Hevesi, Acht Jahre Secession, Wien, 1906, S. 72, 74 (weiteres vom Hause der Secession, 13. Nov. 1898). 
7 a. O., S. 80 (Ludwig Hevesi, Verkannte Kunstwerke /: Ausstellung der Secession :/, 19. November 1898). 
8 a. O., S. 291 (Ludwig Hevesi, Aus der Secession, 15. November 1900). 
9 Deutsche Kunst und Dekoration, 5 (Oktober 1899-März 1900), S. 272 (Abb.), 274, 288, 299 (Abb.) - Die Kritik, 2 (1906), 10, S. 38. - Kunst und Kunsthandwerk, 3 (1900), S. 27 (Abb., darunter die Nautilus-Lampe), 432; 5 (1902), S. 190, 202/203 (Abb., darunter die Lorbeer-Lampe), 361, 365, 367; 18 (1915), S. 594, 598 (Abb.), Österr. Illustr. Rundschau 5 (1918), 34, S. 645. - The Artist, 28 (1900), S. 74-83, mit zahlreichen Abb. - The Studio, 24 (1902), S 139 ff. (Abb.); 35 (1905), S. 162 ff. (Abb.), 165; 41 (1907), S. 314 (Abb.). - The Art-Revival in Austria, The Studio. Special Summer-Number, 1906, B VI, 17, D X, 6, 68, 69. 
10 Sein erster Wagen war ein Laurin & Klement, Jungbunzlau. 
11 Allgemeine Automobilzeitung, 13 (1912), Nr. 24, vom 16. Juni 1912. 
12 Alfred Mell, die Fahnen der österreichischen Soldaten im Wandel der Zeiten, Österreich-Reihe, Bd. 174-176, Wien, 1962, S. 49. - Für diesen Hinweis sei auch an dieser Stelle Herrn Dr. F. Fritz vom Heeresgeschichtlichen Museum aufrichtiger Dank gesagt. 

 


Verzeichnis der wichtigsten Werke von Gustav Gurschner: 

Büste des Schauspielers Wilhelm Knaak, 1894, im Künstlerhaus ausgestellt 1896; Hist. Mus. der Stadt Wien. 

Liebe und Neid, Marmor, 1902; im Garten der Villa Vogel, Stockerau. 
Henry-Edmond-Preis, Darstellung eines fahrenden Rennwagens, 1902. 
Monarchendenkmal: Relief des Kaisers Franz Joseph und des Königs Eduard VII., Marienbad, 1904. 

Grabmal des Prälaten Don Carlo Pasquinelli Catania, 1906. 
Königsobelisk in Veszprém, 1908. 
Figur der Flora für den Garten des Palais Roth, Wien 1908
Kopal-Denkmal in Vicenza, 1911. 
Kaiserdenkmal von Hohenelbe, vor 1916. 
Plastischer Schmuck am Schützenhaus in Jägerndorf, vier Marmorfiguren von Schützen, vor 1916. 
Große Votiftafel im Dom von Czernowitz für Prälat Josef Schmid
Kriegerdenkmal in Seeboden. 

Gedenktafel für die gefallenen Offiziere der österreichisch-ungarischen Artillerie, 1924, Stiftskirche in Wien. 
Gedenktafel für die Gefallenen der Ingenieur-Akademien, 1927, Stiftskirche in Wien. 
Denkmal für die Gefallenen des Dragonerregiments Fürst zu Windisch-Graetz Nr. 14, Wien Augustinerkirche, 1931.

Zahlreiche Bildnisse und Porträts (Büsten und Reliefs), darunter:  
König Eduard VII. von England, 
Erzherzog Ferdinand Karl (1896, Innsbruck, Bergisel-Museum), 

Wilhelm Furtwängler, 

Operettensängerin Mizzi Günther, 

Gustav und Karl Harmer (1930), 

Burgschauspieler Ernst Hartmann (1904), 

Josef Kainz (1902)
Ellen Key (1904), 
Frau Littritz-Dörmann (1900)
Bernhard Ludwig (1903), 

W. A. Mozart (Gastein), 

Paracelsus (Warmbad Villach, 1938), 
Monsignore Pasquinelli (1902, Campo Santo in Lucca), 

R. von Proskowetz (1909), 

Moritz Ruhmann (1928), 
König Carol I. von Rumänien (1911)
Königin Maria von Rumänien (1912), 

Arthur Schnitzler (1905), 

Franz Schubert (Gastein 1928), 
Bianca (1909) und Mario Segantini (1901), 
Oberst von Steiner (1896, Innsbruck, Bergisel-Museum), 

Johann Strauß (Wien, Lerchenfelder Straße), 
Herzog von Urach (1913), 
Erzherzogin Valerie (1920), 
Elise Vogl (1930), 
Prinz Wied von Albanien (1913), 
Kaiserin Zita.

Grabdenkmäler, darunter:  
Eskenasi (Döblinger Friedhof), 
Demel (Zentralfriedhof), 
Siroky (Zentralfriedhof), 

Vogel (Stockerau).

Sonstiges:  Zahlreiche Preise, Medaillen, Plaketten und Armeeabzeichen aus dem ersten Weltkrieg.